Berlin Fashion Week – Top oder Flop?

Ist sie wirklich so schlecht wie ihr Ruf? Über die Ursachen eines Imageschadens, Identifikationsprobleme und das "Berlin-Sein".

So schnell wie der Fashion-Week-Wahnsinn am Montag begonnen hat, ist er auch schon wieder vorüber. Nach offiziell vier, praktisch aber eher fünf, Tagen Shows, Events und Street-Style-Shoots kehrt vorerst Ruhe vor dem Kaufhaus Jandorf ein – nicht aber in der Diskussion um den Status der Berliner Modewoche.

Als ich vor zweieinhalb Jahren das erste Mal auf der Berlin Fashion Week unterwegs war, ging ein Mädchentraum für mich in Erfüllung: das berühmte Zelt am Brandenburger Tor, die Designer und die Prominenten erschienen mir bis zu diesem Zeitpunkt immer vollkommen unnahbar. Und einmal war ich mittendrin, geblendet von schillernden Persönlichkeiten, kostenlosen Goodies und dem elitären Gefühl, auf einer Gästeliste zu stehen. Inzwischen betrachte ich die Fashion Week und all den Rummel drumherum wesentlich differenzierter. Denn wie sagt man so schön: es ist nicht alles Gold, was glänzt. Wobei selbst der Glanz an der Oberfläche der Berliner Modewoche schnell verloren geht, wenn man sich etwas tiefer in der Modeszene steckt und sich ihres Images bewusst wird.


Outfit Tag 1, fotografiert von Jeremy Möller

Die Berlin Fashion Week steht zwar theoretisch in einer Reihe mit den Modewochen andere europäischer Metropolen, bietet praktisch aber nicht mal mehr genügend Anreiz für große deutsche Blogger, sich auf den Weg Richtung Hauptstadt zu machen. Eine weitere Hiobsbotschaft: selbst für den Hauptsponsor Mercedes-Benz, der sich jahrelang um das Ansehen der Berlin Fashion Week bemüht hatte, rentiert sich jene offenbar nicht mehr.

Doch was läuft falsch?

Daran, dass Berlin keinen Style hat, kann es zumindest nicht liegen. Jutebeutel, Tattoos, Vintage Denim, Beanies und vor allem eine ordentliche Portion „Mir doch egal“ – der Berliner Modestil ist so deutlich, dass es selbst ein Adjektiv dafür gibt. Adiletten zum Sommerkleid? Das ist so berlin. In Berlin ist alles erlaubt, alles irgendwie modisch, solange es dir gefällt. Nur zu gewollt darf es nicht aussehen. Wenn dann aber ein dutzend solariumgebräunter Barbies mit platinblonden Schaumfestigerlocken, aufgespritzen Schlauchbootlippen und paillettenbesetzen Peeptoes vor einem pompösen Zelt am Brandenburger Tor stehen, ist das alles andere als berlin. Zumindest die Location passt inzwischen ein wenig besser zur Stadt, optimal ist das Kaufhaus Jandorf aber immer noch nicht. Es liegt zwar dicht am Rosenthaler Platz, der mit all seinen hippen Cafés und stylischen Freelancern nun wirklich nicht bildhafter für Berlin stehen könnte, ist aber erstens recht klein und zweitens weniger repräsentativ.

Outfit Tag 2, zusammen mit meiner liebsten Karin Teigl fotografiert von Marina Scholze

Darüber hinaus finden die Zuschauer, die ihren Platz in der Front Row nicht durch eine Stelle in einer Moderedaktion oder einen erfolgreichen Fashion Blog sondern über die Teilnahme an einer Castingshow auf RTL2 oder einem Freund ihres Mannes, der ihnen einen Gefallen geschuldet hat, noch immer dorthin. Wer letztlich Teil der Fashion Crowd ist, obliegt natürlich auch den Designern, die bestimmen, wer ihrer Show zuschauen darf. Wo wir direkt beim nächsten Punkt sind: während ich mir vor zwei Jahren noch jede einzelne Show, zu der ich mich akkreditieren konnte, angesehen habe, nehme ich den qualitativen Unterschied der Designs heute deutlich wahr. In einer Modenschau, die sich ihren Applaus damit verdient, ein sechsjähriges Mädchen einen englischen Popsong singen oder eine Tanzgruppe eine Hip-Hop-Performance aufführen zu lassen, läuft etwas gehörig falsch. Natürlich spielt die Inszenierung eine große Rolle für den Designer und die Kollektion, aber letztlich entscheiden ganz allein die Designs über Erfolg oder Nichterfolg. Musik, Location und Modelwahl sollten eine Kollektion bestenfalls unterstützen, fühlt man sich aber plötzlich, um bei meinen Beispielen zu bleiben, wie im Publikum von „The Voice Kids“ oder „Let’s Dance“, ist die Mode klar aus dem Fokus gerückt.

Outfit Tag 3, fotografiert von Jeremy Möller

Berlin lässt sich nicht unterkriegen

Dass Berliner Designer durchaus ohne ausschweifende Acts eine exzellente Show auf die Beine stellen können, zeigte sich auch diese Fashion Week. Besonders im Berliner Modesalon spielten sich Szenen ab, sich durchaus auch im Vergleich mit Modenschauen in Mailand, Paris oder London sehen lassen konnten. So inszenierte William Fan seine von der Jugend in den 00er Jahren inspirierte Kollektion beispielsweise mit Simpsons-Titelmelodie und einer Bushaltstelle, in der die Models schließlich stilecht posierten und das Designer-Duo Rianna & Nina ließen ihre Models in den knallbunt-gemusterten Teilen entspannt auf der Wiese hinter dem Kronprinzenpalais bestaunen. Der Modesalon scheint wie ein Lichtblick über das angeknickste Image der Berlin Fashion Week: ausgewählte, historischen Locations inmitten des Stadtzentrums motivieren die erlesenen Designer, ihre Show gesammelt statt off-side und zu veranstalten. Die Gruppenaustellung am Ende der Woche bietet die Möglichkeit, die Highlights aller gezeigten Kollektionen genauer betrachten und revue passieren zu lassen. Das Publikum scheint ebenfalls mehr einem Image zu entsprechen, dass zur Hauptstadt passt: reduzierte neben ausgefallenen Looks, kaum Beteiligte außerhalb der Branche und ein Gesamtbild, das mehr einem Street-Style-Magazin als dem einer Z-Promiparty gleicht.

Den Glauben an die Schauen außerhalb des Modesalons sollten wir deshalb jedoch nicht verlieren. Auch das Kaufhaus war in dieser Saison wieder Bühne für herausragende Shows – wenn auch wenige. Wenn diese Designer es aber schaffen, die weniger innovativen, auf internationaler Ebene hier und da belächelten Kollektionen zu überschatten und das Image der Berlin Fashion Week dahingehend zu prägen, hat sie mit Sicherheit noch eine Chance. Aus Underground muss Headliner werden, als erste Assoziation müssen Namen wie Hien Le oder Malaika Raiss statt Guido Maria Kretschmer in den Köpfen der Menschen erscheinen. Und bis dahin beweist Berlin einfach den Rest des Jahres mit ungezwungen lässigen Styles, dass sie mit anderen europäischen Metropolen modisch mithalten kann.

Outfit Tag 4, fotografiert von Jeremy Möller

 

GET MY KEY PIECES

Body

Zara

Belt

Zara

Blazer

Zara

Skirt

Mint & Berry

  • Comments ( 5 )

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    Melanie

    Von deinen Looks bin ich total begeistert! Super stylish und richtige Hingucker .-*

    viele liebe Grüße
    Melanie / http://www.goldzeitblog.de

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    Benjamin Schiffer

    Hey Nina,
    ich bin stiller Leser Deines Blogs, seitdem ich Dich beim Influencer Award in Köln auf der Bühne gesehen hab. Du bist mir sehr sympathisch und glücklicherweise kein blondes, rosa, Zuckerwatte Mädchen.
    Deine Beiträge, insbesondere dieser, gefallen mir sehr gut!
    Ich fand die Acts vor und während den Shows oft überflüssig, sogar eher nervig.
    Als Modeinteressierte sind wir nun mal für die Mode da und nicht um entertaint zu werden.

    Liebe Grüße
    Benji
    Instagram: benjisbilderbuch

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    Elizabeth Werdnik

    I loved this. „Mir doch egal“ ist so Berlin, und in der heutigen Modewelt ist diese Philosophie total erfrischend. Hier herrscht ein lässiger, noch sehr authentischer Stil. Und das ist doch überhaupt das wichtigste – die Kreativität und Einzigartigkeit der Modeszene Berlins, on-the-street, und zwar das ganze Jahr über.

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    Esra

    Omg ENDLICH eine, die Guido Maria Kretschmar genau richtig beurteilt und nicht „omg Guiiiidoooo“ kreischt! 😀
    Und auch die besagte Show mit Kindergesang – genau das dachte ich mir auch „Wenn schon die Mode nicht zieht, ziehen süße Kinderlein als PR-Gag“.
    Toller Post, auch journalistisch selten gut in der Blogosphäre!
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de

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    QuentinJacobMax

    WOW! Das sind wirklich tolle und abwechslungsreiche Looks! Auch deine Sichtweise zur Fashion-Week-Zirkus find ich richtig spannend! Bitte mehr solcher Blogposts!

    Liebe Grüße

    Max

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