Never not authentic

Authentizität hier, Authentizität da, Authentizität überall. Über das wahrscheinlich meist benutzte Wort in der Influencerbranche und die scheinbar unerschütterliche Illusion dahinter.  

Die goldene Regel im Blogger-Business: Sei authentisch! Offiziell ist nichts, absolut nichts, wichtiger als seine Authentizität beizubehalten. Reichweite, Inhalte, Kontakte – alles, was Erfolg in der Praxis meist ausmacht – kommt an zweiter Stelle. Und genau deshalb ist es auch Authentizität, die der gemeine Influencer Agenturen, Marken und natürlich seiner Community ununterbrochen predigt. Die Überzeugungsarbeit reicht von „… und das sage ich nicht nur, weil ich eine Kooperation mit XY habe!“ bis hin zu „#sponsored, aber wirklich mega!“. Moment mal – „aber“? Widerspricht man damit nicht genau der Authentizität die man versucht, aufrecht zu erhalten?

 

Genauso ist es in Gesprächen mit anderen Bloggern oder PR-Leuten, in denen man Monologe darüber hält, wie unheimlich wichtig einem die eigene Authentizität ist. Alles, was in solchen Konversationen eigentlich relevant ist wird von krampfhafter Selbstinszenierung und hartnäckigem Beteuern der eigene Realness verdrängt. Da Authentizität sich aber in unserer Szene zum Small-Talk-Thema Nummer Eins gemausert hat, scheint niemand ein Problem damit zu haben, die Angelegenheit zum hundertsten Mal durchzukauen.

Why are we trying so hard?

Wie ironisch es eigentlich ist, dass Authentizität das Attribut ist, von dem Blogger und Influencer am meisten das Gefühl haben, es sich selbst und ihren Followern beweisen zu müssen, bemerkt dabei niemand. Dabei wird man ab genau dem Moment, in dem man sagt, wie authentisch man sei, unauthentisch. Im Allgemeinen herrscht ein falsches Verständnis von Authentizität unter Bloggern: es macht niemanden authentisch, wenn er bei einer peinlichen Kooperation zigmal betont, wie sehr er hinter den Produkten steht. Eine Kooperation in diesem Fall nicht anzunehmen, das wäre authentisch. Oder auf eine andere Weise damit umzugehen.

AUTHENTIZITÄT GEGEN GELD

Denn eins ist klar: niemand ist zu 100% authentisch. Kein Blogger, kein Influencer, kein Mensch. Wir alle lassen uns, ob bewusst oder unterbewusst, manchmal beeinflussen und tun oder sagen Dinge, die wir normalerweise nicht getan oder gesagt hätten. So ist es auch mit Kooperationen. Ich mache oft für Marken Werbung, die ich im normalen Leben wahrscheinlich nicht in Erwägung gezogen hätte. Nicht, weil mir die Sachen nicht gefallen, denn darauf achte ich natürlich bei der Auswahl meiner Kooperationspartner. Stattdessen hatte ich die Marke vielleicht einfach nicht auf dem Schirm oder die Sachen waren mir vorher zu teuer. Und, machen wir uns nichts vor, natürlich spielt auch Geld hier eine große Rolle! Es liegt in der menschlichen Natur, Jobs eher in Erwägung zu ziehen, wenn die Vergütung hoch ist. Trotzdem würde ich auch für tausende Euro keine Werbung für Klopapier machen, aber bis zu einem gewissen Grad verkauft man hin und wieder ein Stück seiner Authentizität. Get over it! Denn die weit verbreitete Annahme, dass die Influencerbranche die einzige wäre, in der es um Authentizität geht, ist schlichtweg falsch. Journalisten, Politiker, Banker – alle wären nichts ohne ein authentisches Auftreten oder zumindest das, was sie als jenes verkaufen.

KANN MAN ÜBERHAUPT NOCH AUTHENTISCH Sein?

Ja. Solange man hinter Dingen steht, die man tut, ist man authentisch. Und das bedeutet, noch einmal darauf zurück zu kommen, in diesem Fall nicht, zu sagen wie sehr man hinter einer Kooperation steht. Sondern sich und seinen Followern einzugestehen, dass man vielleicht auch mal Zweifel im Vorfeld einer Zusammenarbeit hatte. Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn man letztendlich wirklich hinter dem Produkt steht. Aber ich denke, dass ist eine Voraussetzung über die wir hier nicht diskutieren müssen.

 

Im Endeffekt ist es recht simpel: sobald man das Gefühl bekommt, seine Authentizität beweisen zu müssen, liegt definitiv ein Mangel vor. Also: stop trying so hard! Hört auf, ständig allen zu sagen, wie wichtig es ist, man selbst zu sein. Macht es einfach. 

  • Comments ( 2 )

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    Franziska Nazarenus

    Hallo Nina,

    ich feier deinen Beitrag. Du hast es auf den Punkt gebracht. Manchmal fühlt man den Zwang authentisch sein zu müssen und schlüpft eventuell in eine Rolle.
    Danke, werde deinen Beitrag reflektieren. 🙂

    Grüße Franzi 🙂🙃

    • avatar
      Nina

      Dankeschön, das freut mich sehr liebe Franzi!

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